Nachwort zu Die Welt als Organismus

Zieglers Leben und Denken
Auszug aus dem Vortrag am 5. November 2011 im Überlinger Suso-Haus unter dem Titel »Leopold Ziegler im Blick« von
Timo Kölling

Geboren wird Ziegler am 30. April 1881 in Karlsruhe, wo er auch aufwächst. Seine Eltern sind unterschiedlicher Konfession: der Vater katholisch, die Mutter evangelisch. Diesem Umstand wird er später einige Bedeutung beimessen, als er zu der überkonfessionellen Fassung des Christentums gelangt, wie sie sein Spätwerk charakterisiert.
Der Vater ist Kaufmann, stirbt aber bereits in seinen frühen Vierzigern an Tuberkulose. Von ihm hat Ziegler, wie er später vermutet, die „Abneigung gegen alles Militärische“ geerbt. Ziegler erhält von den Eltern wenig geistige Anregung und Förderung und ist ein schlechter Schüler. Er entdeckt in den 1890er Jahren auf eigene Faust jene geistige Welt, die Elternhaus und Schule ihm vorenthalten. Vor allem Wagners Oper und Schopenhauers Philosophie wecken seine Begeisterung, er berauscht sich an der Musik und an der eigenen daran sich entzündenden Gedankenwelt.
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Zum Studieren geht Ziegler nach Heidelberg – eine unglückliche Wahl, bedenkt man, dass die Stadt in jenen Jahren Hochburg des Neukantianismus gewesen ist. Ziegler, ernüchtert, will sich auf eigene Faust einen Namen machen und veröffentlicht bereits 1902 und 1903 seine ersten beiden Bücher »Zur Metaphysik des Tragischen« und »Das Wesen der Kultur«.
Die wichtigste Stütze findet Ziegler in seiner Geliebten und Verlobten Johanna Keim.
Im Sommer 1907 erkrankt er schwer an Hüfttuberkulose, derselben Krankheit, an welcher der Vater so früh gestorben war. Ziegler heiratet und erholt sich, wenn auch nur langsam, unter großen Schmerzen und mit dauerhaft geschädigtem Hüftgelenk.
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Mit seinem ersten großen Hauptwerk »Gestaltwandel der Götter«, das ihm 1920 den lange ersehnten Erfolg bringen wird, gelangt Ziegler zu der seiner Zeit entgegengesetzten Erkenntnis, die er immer weiter vertiefen wird: Was für die künstlerische Form gilt, dass sie ein Bewusstsein von selbst nicht künstlerischer, vielmehr religiöser oder numinoser Struktur spiegelt, das soll auch für sämtliche andere Gebiete und Ausprägungen menschlichen Lebens und Handelns gelten. So erweitert sich der Begriff der „Form“ zu dem der „Gestalt“, und an die Stelle einer allgemeinen Kulturgeschichte tritt die einer Religionsgeschichte, die davon ausgeht, dass es im Grunde nur einen unaufhörlichen Wandel eben der Gestalten gibt, in denen das Göttliche sich für den Menschen kundtut.
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Zu betonen ist, dass Zieglers Weg zum Christentum nicht gleichbedeutend ist mit einem Weg zur Kirche oder zu einer konfessionell gebundenen Theologie. Christliche „Nachfolge“ heißt in der Interpretation Zieglers, durch Rückverbindung an den heiligen und überzeitlichen Ursprung der Schöpfung im Allgemeinen Menschen den Stand des „Seins“ wiederherzustellen, wobei die Perspektive sich von der initiatischen Tat des Einzelnen und dem Heil der Gruppe oder des Volkes, zunehmend ins Menschheitliche und Universale weitet. (…)
Der Goethepreis der Stadt Frankfurt, der ihm 1929 als drittem Träger nach Stefan George und Albert Schweitzer verliehen wird, ist ein Höhepunkt. In diesen Jahren seiner christlichen Wende entfaltet Ziegler entgegen seiner sonstigen Gewohnheit eine rege Vortragstätigkeit zu aktuellen Fragen der Politik, der Technik, des Wirtschaftslebens. Dem schrankenlosen Materialismus und Ökonomismus mit einem menschlichen Konzept von Wirtschaft zu begegnen, ist in diesen Jahren eine seiner zentralen Ideen.
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Im April 1932 verfasst Ziegler im Auftrag des Überlinger Hindenburgausschusses anonym einen Wahlaufruf unter der Überschrift »Warum Hitler nicht?«. In der Antwort heißt es unter anderem: „Weil er die verheißungsreichste Volksbewegung der Deutschen zur Aufpeitschung übelster Masseninstinkte missbraucht!“
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 Um den Gipfelpunkt des zieglerschen Denkens (wie ich meine), das fünfte große Hauptwerk von 1956, das »Lehrgespräch vom Allgemeinen Menschen« wenigstens noch zu streifen: Die Idee einer „Entbilderung der Bilder“ ersetzt die frühere Diagnose einer „Verwissenschaftlichung des Geistes“ und geht nunmehr davon aus, dass der Verlust der mythischen Bilder und Gewissheiten in der Geschichte sich auf dem Weg einer Kritik des Rationalismus und der Wissenschaft überhaupt nicht erfassen lässt. Denn hinter der Ratio als Verberger des Mythos steht der Logos als der wahrhaft unvergängliche göttliche Name, als die übergeschichtliche Wirklichkeit des Heiligen; und je mehr wir die bloßen Bilder der Wahrheit verlieren, desto näher kommen wir dem eigentlichen Zentrum der Offenbarung und werden selbst zu jener Bilderschrift der Apokalypse, an deren Spitze das Bild des Lammes als Signatur einer Zeit der Erlösung steht, an deren Kommen wir mitwirken. In dieser Idee des Logos besitzt Zieglers Spätphilosophie nach dem Zweiten Weltkrieg, die das ohnehin schon umfangreiche Œuvre noch einmal um viele hundert Seiten erweitert, ihr konstruktives Zentrum.
Als 1948 »Menschwerdung« erscheint, bleibt das Echo gering; sein letztes und schwierigstes Hauptwerk, das »Lehrgespräch«, ist, wie man ohne Übertreibung sagen kann, überhaupt noch nicht rezipiert worden. (…)
Nach seinem Tod aber geriet Ziegler schnell vollends in Vergessenheit, und man kann sagen, dass sein ganzes so großartig durchkomponiertes Werk im öffentlichen Bewusstsein selbst der Gebildeten bis heute eine Ruine geblieben ist.

Die Kürzungen dieses wunderbaren Vortrags sind unverzeihlich. In unserem Buch ist er im Ganzen abgedruckt und mit der Hommage, die er an Ziegler darstellt, eine Hommage an diesen einfühlsamen und beispielhaft klaren Ziegler-Rezipienten unserer Tage. Hier geht es zu seiner Website:

https://timokoelling.wordpress.com/

 


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