Vorwort zu „Nahseinsfeuer“

Brigitte Bee beschreibt in ihrem lyrischen Band „Nahseinsfeuer“ verschiedene Phasen der Liebe. Die Liebe kommt wie aus dem Nichts, erreicht das Stadium des Werdens, ihren Höhepunkt, und gleitet ab ins Vergehen, bis sie zur Erinnerung wird.

Die Suche nach der Vervollkommnung des Individuums durch die Begegnung mit dem Anderen, wie sie sich in Brigitte Bee´s Lyrik vollzieht, geschieht zwingend in der Gegenwart. Wenn die Liebe vorbei ist, fehlt die Gegenwart. Erfüllte Liebe gibt nur einen Sinn, wenn das Objekt des Begehrens sinnlich zu erfahren ist. Ist das Objekt fern, greift Sehnsucht. Trugbilder entstehen, zerplatzen. Zweifel, Ängste begleiten das lyrische Ich.

Brigitte Bee setzt die Phasen der Liebe lyrisch um als individuell universelles Phänomen, verschlüsselt und entschlüsselt zugleich die Mechanismen, die Metamorphose von Gefühls- und Seinszuständen. Das liebende Individuum empfindet den Prozess des Liebens als einzigartig und wunderbar und sich selbst im Höhenflug der Wesentlichkeit. Die Hochphase der Liebe erlebt das lyrische Subjekt in „Nahseinsfeuer“ als intensive Form des Lebens. Die Vervollkommnung des Ichs durch den Anderen vollzieht sich, zugleich beginnt aber auch die Suche nach Größerem außerhalb des Ichs.

Aristophanes erzählt in Platons Dialog „Symposion“ vom Mythos des Kugelmenschen. Ursprünglich hätten die Menschen kugelförmige Rümpfe gehabt. Zeus schnitt sie zur Strafe für ihren Übermut in zwei Teile. Der halbierte Mensch strebe daher seitdem nach Wiedervereinigung, nach der jeweils fehlenden Hälfte. Demnach gibt es nur eine einzige passende Hälfte, auf die auch der suchende Liebende trifft. Die Liebe an sich scheint unwiederbringlich verloren, sobald sie zuende ist. Daher ist das Drama vorprogrammiert.

Brigitte Bee´s Gedichte beschreiben die Wandlung des liebenden Subjekts: Die Welt um den Liebenden dehnt sich wunderbar aus. Die Fokussierung auf das eine Objekt der Liebe löst sich auf und wird im Umfeld der Liebe neu bewertet.

Michael Liebusch


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